Long COVID besser verstehen und behandeln – Im Gespräch mit Dr. Per Otto Schüller
Long COVID zählt zu den größten medizinischen Herausforderungen der vergangenen Jahre. Bereits während der COVID-19-Pandemie behandelte Dr. Per Otto Schüller, Chefarzt der Kardiologie und Pneumologie der MEDIAN Klinik Flechtingen, Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Beschwerden nach einer Infektion. Aus seiner langjährigen klinischen Erfahrung und wissenschaftlichen Arbeit heraus engagiert er sich seit Beginn intensiv für die Erforschung und Weiterentwicklung wirksamer Behandlungsansätze.
Gemeinsam mit weiteren Expertinnen und Experten hat Dr. Schüller nun das Fachbuch „Long COVID – fachübergreifend richtig diagnostizieren und behandeln“ herausgegeben. Anlässlich der Veröffentlichung haben wir mit ihm über aktuelle Erkenntnisse, die Herausforderungen der Diagnostik und Behandlung sowie die Zukunft der Long-COVID-Versorgung gesprochen.
Herr Dr. Schüller, Sie haben das Fachbuch "Long COVID – fachübergreifend richtig diagnostizieren und therapieren" mit herausgegeben. Was war Ihre Motivation?
Long COVID hat das Gesundheitswesen vor große Herausforderungen gestellt. Unser Ziel war es, das vorhandene Wissen aus verschiedenen Fachgebieten zusammenzuführen und Ärztinnen und Ärzten sowie Therapeutinnen und Therapeuten eine praxisnahe Orientierung zu geben. Das Buch soll dazu beitragen, Betroffene besser zu verstehen, die Diagnostik zu strukturieren und die Versorgung weiter zu verbessern.
Wann haben Sie erkannt, dass Long COVID ein völlig neues Krankheitsbild ist?
Bereits in den ersten Pandemiejahren wurde deutlich, dass viele Patientinnen und Patienten trotz überstandener Infektion dauerhaft unter erheblichen Beschwerden litten. Uns war schnell klar, dass diese Menschen ein spezialisiertes, interdisziplinäres Behandlungsangebot benötigen, und dieses haben wir bei MEDIAN konsequent aufgebaut.
Was macht Diagnostik und Behandlung so anspruchsvoll?
Long COVID ist keine Erkrankung eines einzelnen Organs. Herz, Lunge, Nervensystem, Stoffwechsel und Immunsystem können gleichzeitig betroffen sein. Deshalb braucht es eine umfassende Diagnostik und individuell abgestimmte Therapiekonzepte, die den unterschiedlichen Ausprägungen der Erkrankung gerecht werden.
Warum ist gerade deshalb eine interdisziplinäre Rehabilitation so wichtig?
Weil Long COVID viele Organsysteme betreffen kann, profitieren Betroffene von der Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, Physio- und Ergotherapie, Sporttherapie, Pflege und Sozialdienst bringen jeweils ihre Kompetenzen ein. Gerade diese enge Zusammenarbeit ist einer der größten Vorteile der Rehabilitation.
Welche Symptome sehen Sie besonders häufig?
Fatigue, Belastungsintoleranz, Atemnot, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen (“Brain Fog”), Schlafstörungen sowie Herz-Kreislauf-Beschwerden gehören zu den häufigsten Symptomen. Diese Beschwerden sollten ernst genommen werden, denn sie sind für die Betroffenen real und können die Lebensqualität erheblich einschränken.
Was hat sich im Umgang mit Long COVID in den vergangenen Jahren verändert?
Vor einigen Jahren standen wir im Umgang mit Long COVID noch am Anfang. Heute gibt es deutlich mehr Wissen über das Krankheitsbild, strukturiertere diagnostische Vorgehensweisen und spezialisierte Versorgungsangebote, beispielsweise durch den Aufbau von Long-COVID-Spezialambulanzen. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass viele Fragen noch offen sind und weitere Forschung notwendig bleibt.
Was zeichnet das Long-COVID-Behandlungskonzept bei MEDIAN aus?
Unser Behandlungskonzept verbindet einen ganzheitlichen und interdisziplinären Ansatz mit wissenschaftlicher Weiterentwicklung. Kardiologie, Pneumologie, Neurologie, Psychologie sowie die verschiedenen Therapiebereiche arbeiten eng zusammen, um gemeinsam ein individuelles Behandlungskonzept zu entwickeln. Gleichzeitig beteiligen wir uns an wissenschaftlichen Studien und prüfen kontinuierlich innovative Behandlungsansätze, darunter auch die Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie (IHHT).
Was wünschen Sie sich für Patient*innen mit Long COVID?
Ich wünsche mir, dass Betroffene frühzeitig eine sorgfältige Diagnostik und eine individuell abgestimmte Behandlung erhalten. Ebenso wichtig ist, dass ihre Beschwerden ernst genommen werden und sie nicht den Mut verlieren. Auch wenn wir noch nicht alle Antworten kennen, gibt es bereits heute Möglichkeiten, viele Betroffene wirksam zu unterstützen und ihre Lebensqualität zu verbessern.
Was stimmt Sie mit Blick auf die Zukunft der Long-COVID-Versorgung optimistisch?
Mit der Nationalen Dekade für postinfektiöse Erkrankungen wird die Forschung in den kommenden Jahren gezielt gefördert. Das eröffnet die Chance, die Ursachen von Long COVID besser zu verstehen und neue diagnostische sowie therapeutische Ansätze zu entwickeln. Ich bin zuversichtlich, dass sich dadurch die Versorgung der Betroffenen weiter verbessern wird.
Was bedeutet Ihnen dieses Buch persönlich?
Für mich ist dieses Buch vor allem ein Gemeinschaftsprojekt. Viele Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Fachrichtungen haben ihr Wissen und ihre Erfahrungen eingebracht. Ich hoffe, dass das Buch dazu beiträgt, den interdisziplinären Austausch zu fördern und einen Beitrag zu einer noch besseren Versorgung von Menschen mit Long COVID zu leisten.