Teil 3 der Serie: Leben mit Multipler Sklerose
Mehr Selbstständigkeit trotz MS: Warum Rehabilitation so wichtig ist
Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung, die Menschen oft über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte begleitet. Umso wichtiger ist es, Betroffene nicht nur medizinisch zu behandeln, sondern sie dabei zu unterstützen, ihren Alltag möglichst selbstständig und aktiv zu gestalten.
Genau hier setzt die neurologische Rehabilitation an. Sie hilft Menschen mit MS dabei, ihre körperlichen und kognitiven Fähigkeiten zu stärken, Symptome gezielt zu behandeln und neue Strategien für den Alltag zu entwickeln.
Dr. med. Michelina Bocchicchio, Chefärztin der MEDIAN Klinik Wilhelmshaven, erlebt täglich, welche Bedeutung eine spezialisierte Rehabilitation für Menschen mit Multipler Sklerose haben kann.
„Rehabilitation bedeutet, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten“, erklärt sie.
Dies ist Teil 3 unserer Serie „Leben mit Multipler Sklerose“. Im ersten Teil ging es um aktuelle Entwicklungen in Forschung und Therapie. Im zweiten Teil haben wir beleuchtet, was Betroffene selbst für ihre Lebensqualität tun können.
Rehabilitation ist weit mehr als eine Therapiepause
Viele Menschen verbinden mit einer Rehabilitation zunächst eine zeitlich begrenzte Maßnahme nach einer akuten Erkrankung oder einem Krankenhausaufenthalt. Bei Multipler Sklerose erfüllt die Reha jedoch eine deutlich umfassendere Aufgabe.
Jeder Mensch mit MS braucht einen individuellen Ansatz
MS wird häufig als „Krankheit mit 1.000 Gesichtern“ bezeichnet. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Bedürfnisse der Patient*innen.
Während manche Menschen vor allem unter Fatigue leiden, stehen bei anderen Mobilitätsprobleme, Gleichgewichtsstörungen, Schmerzen oder kognitive Einschränkungen im Vordergrund. Deshalb setzt die moderne Rehabilitation auf individuell abgestimmte Therapieprogramme.
Ein interdisziplinäres Team für mehr Lebensqualität
In spezialisierten MS-Rehabilitationszentren arbeiten verschiedene Berufsgruppen eng zusammen. Ärzt*innen, Therapeut*innen, Pflegekräfte und speziell geschulte MS-Nurses begleiten die Patient*innen während ihres gesamten Aufenthalts. Je nach individuellem Bedarf können unterschiedliche Therapieangebote zum Einsatz kommen, darunter:
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Physiotherapie
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Ergotherapie
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Bewegungs- und Trainingstherapie
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neuropsychologische Therapie
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psychologische Begleitung
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Entspannungsverfahren
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sozialdienstliche Beratung
„Die Therapien werden individuell abgestimmt und greifen ineinander“, sagt Dr. Bocchicchio. Besonders wichtig sei dabei die enge Zusammenarbeit aller beteiligten Fachkräfte.
Bewegung kann Regenerationsprozesse fördern
Ein Schwerpunkt vieler Rehabilitationsprogramme liegt auf der Bewegungs- und Trainingstherapie. Heute weiß man, dass körperliche Aktivität weit mehr bewirken kann als den Erhalt von Muskelkraft und Beweglichkeit.
„Es ist nachgewiesen, dass Bewegungs- und Sporttherapie Regenerationsprozesse im zentralen Nervensystem anregen können“, erklärt Dr. Bocchicchio.
Für Menschen mit Multipler Sklerose gebe es sogar wissenschaftliche Hinweise darauf, dass gezieltes Training den Neuaufbau der schützenden Myelinschichten um geschädigte Nervenfasern fördern kann. Damit wird Bewegung zu einem wichtigen Bestandteil einer modernen MS-Behandlung.
Fatigue gezielt begegnen
Eines der häufigsten und belastendsten Symptome der Multiplen Sklerose ist die Fatigue – eine krankheitsbedingte Erschöpfung, die sich nicht einfach durch Schlaf oder Ruhephasen beseitigen lässt. In der Rehabilitation lernen Patient*innen Strategien kennen, um besser mit dieser Belastung umzugehen. Dazu gehören unter anderem:
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angepasste Bewegungsprogramme
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Entspannungstechniken
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Energie-Management im Alltag
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psychologische Unterstützung
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neuropsychologische Therapie
Ziel ist es, die vorhandenen Energieressourcen möglichst sinnvoll einzusetzen und die Teilhabe am Alltag zu erhalten.
Selbstständigkeit stärken – auch nach der Reha
Eine erfolgreiche Rehabilitation endet nicht mit der Entlassung aus der Klinik. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie die erarbeiteten Fortschritte dauerhaft in den Alltag übertragen werden können.
Deshalb spielt auch die sozialdienstliche Beratung eine wichtige Rolle. Gemeinsam werden Lösungen für berufliche, soziale oder organisatorische Herausforderungen entwickelt.
„Wir möchten den Menschen Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie ihren Alltag möglichst selbstbestimmt gestalten können“, sagt Dr. Bocchicchio.
Dazu gehören beispielsweise Strategien für den Umgang mit Symptomen, Empfehlungen für den Arbeitsplatz oder Hinweise zur Anpassung des häuslichen Umfelds.
Warum regelmäßige Reha sinnvoll sein kann
Viele Menschen wissen nicht, dass Rehabilitationsmaßnahmen bei MS regelmäßig wiederholt werden können – und häufig sogar sollten. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft empfiehlt, Rehabilitationsmaßnahmen möglichst jährlich für vier bis sechs Wochen durchzuführen.
„Die positiven Effekte halten häufig sechs bis neun Monate an“, erklärt Dr. Bocchicchio. Regelmäßige Reha-Maßnahmen können dazu beitragen, die Mobilität zu erhalten, Symptome besser zu kontrollieren und langfristig die Selbstständigkeit zu stärken.
Ob und wann eine Rehabilitation sinnvoll ist, sollte immer individuell gemeinsam mit den behandelnden Ärzt*innen entschieden werden.
Was ein spezialisiertes MS-Zentrum auszeichnet
Doch worin unterscheidet sich eine Rehabilitation in einem spezialisierten MS-Zentrum von einer allgemeinen neurologischen Reha?
Für Dr. Bocchicchio liegt die Antwort auf der Hand: „Die Therapien sind deutlich gezielter auf die besonderen Bedürfnisse von MS-Patientinnen und Patienten abgestimmt.“ Neben der fachlichen Expertise spiele vor allem die langjährige Erfahrung mit der Erkrankung eine entscheidende Rolle. Die Teams kennen die typischen Herausforderungen der MS und können Behandlungen gezielt darauf ausrichten. Ebenso wichtig sei die umfassende Aufklärung der Betroffenen.
„Menschen mit MS sollten verstehen, wie sie trotz der Erkrankung Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen und aktiv an Therapieentscheidungen mitwirken können.“
Mut machen und Perspektiven eröffnen
Die Diagnose Multiple Sklerose verändert vieles. Doch sie bedeutet nicht, dass Selbstständigkeit, Lebensqualität oder persönliche Ziele verloren gehen müssen.
Genau deshalb spielt Rehabilitation eine so wichtige Rolle: Sie hilft Menschen dabei, ihre Stärken zu erkennen, neue Strategien zu entwickeln und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückzugewinnen.
„Menschen mit MS wissen am besten, wie sich die Krankheit auf ihr Leben auswirkt. Sie sollten sich ermutigt fühlen, offen über ihre Erfahrungen und Wünsche zu sprechen. So kann gemeinsam mit den Ärztinnen und Ärzten ein passender Behandlungsplan entwickelt werden“, schließt Dr. Bocchicchio.
Unsere dreiteilige Serie zeigt: Die Behandlung von Multipler Sklerose besteht heute aus weit mehr als Medikamenten allein. Moderne Therapien, ein gesundheitsfördernder Lebensstil und eine spezialisierte Rehabilitation können gemeinsam dazu beitragen, die Lebensqualität langfristig zu erhalten und neue Perspektiven für den Alltag zu schaffen.