Interview mit Expert*innen der MEDIAN Klinik Bad Gottleuba
Migräne: Was Stress, Alltag und Gewohnheiten
damit zu tun haben
Zum Europäischen Kopfschmerz- und Migränetag am 12. September erklären Expert*innen der MEDIAN Klinik Bad Gottleuba, welche Rolle Stress und Alltagsgewohnheiten spielen, was Betroffene selbst tun können und wie chronische Schmerzen behandelt werden.
Über Migräne
Migräne zählt zu den häufigsten Kopfschmerzformen, von der etwa 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen betroffen sind. Frauen erkranken bis zu dreimal häufiger als Männer.
Migräne und chronische Kopfschmerzen: Unsere Expertinnen und Experten im Interview
Anlässlich des Europäischen Kopfschmerz- und Migränetags beantworten Expert*innen der MEDIAN Klinik Bad Gottleuba wichtige Fragen rund um Migräne und chronische Kopfschmerzen.
Herr May, Kopfschmerzen kennt fast jeder. Ab wann sollten wiederkehrende Kopfschmerzen genauer abgeklärt werden?
Mario May, Ltd. Oberarzt an der Klinik für Psychosomatik: Gelegentliche Kopfschmerzen sind häufig harmlos. Ärztlich abgeklärt werden sollten sie jedoch beispielsweise, wenn sie regelmäßig auftreten und häufiger werden, Schmerzmittel nicht ausreichend wirken oder an mehr als acht bis zehn Tagen im Monat benötigt werden. Auch neu auftretende tägliche Kopfschmerzen, eine deutliche Veränderung bereits bekannter Beschwerden oder Begleitsymptome wie Fieber, Lähmungserscheinungen oder Gefühlsstörungen sind Gründe für eine ärztliche Abklärung.
Herr Seemann, bei Migräne ist manchmal von „psychischen Ursachen“ die Rede. Was bedeutet das konkret?
Andreas Seemann, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik: Bei der Entstehung von Migräne spielen verschiedene Faktoren zusammen. Dazu gehört eine biologisch-genetische Veranlagung – beispielsweise, wenn bereits die Mutter oder Großmutter an Migräne erkrankt ist. Hinzukommen können Stress und Belastungen, etwa durch die Pflege von Angehörigen, hohen Zeitdruck oder Schichtarbeit. Auch der eigene Umgang mit Stress und gelernte Verhaltensweisen wie „Powern, bloß keine Schwäche zeigen“ können Migräneattacken begünstigen. Hieraus ergeben sich zugleich Ansatzpunkte für die Vorbeugung und Behandlung.
Welche Gewohnheiten können Migräneattacken begünstigen?
Andreas Seemann, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik: Neben der familiären Veranlagung können Lebensgewohnheiten und der eigene Umgang mit Stress den Verlauf beeinflussen. Zu möglichen Triggern zählen unter anderem Schlafmangel, Stress, zu wenig Flüssigkeit, unregelmäßige Mahlzeiten oder Alkohol. Auch Koffein sollte – wie viele andere Dinge – in Maßen konsumiert werden.
Frau Kaminski, worauf können Betroffene im Alltag achten?
Kathleen Kaminski, Psychologische Bereichsleiterin der Klinik für Psychosomatik: Hilfreich sind feste Gewohnheiten und Routinen: ein möglichst regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus – auch am Wochenende –, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Pausen. Auch sehr schnelle Wechsel zwischen hoher Belastung und Entspannung sollten möglichst vermieden werden.
Es lohnt sich zudem, das eigene Leistungsstreben und Verantwortlichkeiten zu hinterfragen, Aufgaben auch einmal abzugeben und Nein zu sagen. Die Tipps sind als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen und ersetzen keine ärztliche Behandlung. Sie können diese aber unterstützen und dazu beitragen, die Häufigkeit von Migräneattacken positiv zu beeinflussen.
Welche psychologischen und psychotherapeutischen Ansätze können bei Migräne helfen?
Kathleen Kaminski, Psychologische Bereichsleiterin der Klinik für Psychosomatik: Kopfschmerzerkrankung und psychische Erkrankung verstärken sich oft wechselseitig. Das Risiko für das Auftreten begleitender psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen ist bei Patient*innen mit primären Kopfschmerzen wie Migräne erhöht und umgekehrt verstärken psychische Belastungen den Schmerzverlauf.
Eine verbesserte Krankheitsbewältigung und das Erlernen von Stressbewältigungsstrategien können den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Zu den psychologisch-psychotherapeutischen Ansätzen gehören neben der Wissensvermittlung unter anderem kognitive Verhaltenstherapie, Schmerzbewältigungstraining, Entspannungsverfahren, achtsamkeitsbasierte Verfahren und Biofeedback.
Durch Entspannungsverfahren lernen Patient*innen, ihr Stressniveau zu beeinflussen und den ungünstigen Einfluss von Anspannung zu reduzieren. Bei regelmäßiger Anwendung kann eine Reduktion der Migräneattacken um 35 bis 45 Prozent erreicht werden. Achtsamkeitsbasierte Verfahren wiederum helfen dabei, bewertungsfrei im Hier und Jetzt zu bleiben.
Beim Biofeedback erhalten Patient*innen Rückmeldungen zu eigenen Körpersignalen und lernen, diese gezielt zu beeinflussen. Biofeedback ist eine wirksame Behandlung und kann sowohl in der Akutbehandlung als auch zur Vorbeugung eingesetzt werden. Gleichzeitig fördert Biofeedback die Selbstwirksamkeit und kann dazu beitragen, Stress als wichtigen Migränetrigger zu reduzieren.
Herr Seemann, wie werden Patient*innen mit chronischen Schmerzen und Migräne in Bad Gottleuba behandelt?
Andreas Seemann, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik: Patient*innen mit chronischen Schmerzen, Kopfschmerzen und Migräne erhalten je nach individueller Zielsetzung und vorliegenden Beschwerden einen umfassenden, multimodalen Therapieplan. Dazu gehören unter anderem Gruppen zur Schmerz- und Stressbewältigung. Neben der Wissensvermittlung können sich die Patientinnen dort über ihre Erfahrungen und Bewältigungsstrategien austauschen.
Sie lernen beispielsweise, eigene Ansprüche und persönliche „Schmerzverstärker“ zu erkennen und zu hinterfragen sowie Strategien zur Schmerzablenkung und Entspannung anzuwenden. Ergänzt wird die Behandlung unter anderem durch Achtsamkeit, Körpertherapie, Entspannungsverfahren sowie Angebote zu gesunder Bewegung und Ernährung. Bei entsprechender Indikation kommen auch medikamentöse Therapien und in Einzelfällen Biofeedback zum Einsatz.