Teil 1 der Serie: Leben mit Multipler Sklerose
Moderne MS-Therapien: Warum die Forschung heute mehr Hoffnung macht denn je
Multiple Sklerose (MS) galt lange Zeit als Erkrankung, deren Verlauf nur begrenzt beeinflusst werden kann. Heute hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Zwar ist die chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems nach wie vor nicht heilbar, doch moderne Therapien, neue Diagnoseverfahren und ein immer besseres Verständnis der Krankheitsmechanismen eröffnen Betroffenen neue Perspektiven.
Wir haben mit Dr. med. Michelina Bocchicchio, Chefärztin der MEDIAN Klinik Wilhelmshaven, über aktuelle Entwicklungen in Forschung und Therapie gesprochen. Die Klinik ist seit vielen Jahren von der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) als „Anerkanntes MS-Rehabilitationszentrum“ zertifiziert und auf die Behandlung von Menschen mit MS spezialisiert.
Dies ist Teil 1 unserer Serie „Leben mit Multipler Sklerose“. In den weiteren Beiträgen geht es um den Alltag mit MS sowie die Bedeutung einer spezialisierten Rehabilitation.
MS besser verstehen – und gezielter behandeln
Bei Multipler Sklerose greifen körpereigene Immunzellen die schützende Hülle der Nervenfasern an. Warum das Immunsystem diese Fehlsteuerung entwickelt, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Sicher ist jedoch: MS entsteht nicht durch einen einzelnen Auslöser, sondern durch das Zusammenspiel verschiedener genetischer und umweltbedingter Faktoren.
Früh erkennen, früh handeln
„Eine frühere Diagnose erlaubt eine frühere Behandlung“, sagt Dr. Bocchicchio. „Dadurch können Nervenschäden von vornherein minimiert werden.“
Auch moderne Blutuntersuchungen liefern inzwischen wertvolle Informationen. Mithilfe der Bestimmung sogenannter Neurofilamente aus dem Blut können Schädigungen von Nervenzellen frühzeitig sichtbar gemacht werden. Die Behandlung lässt sich dadurch individueller steuern und an den tatsächlichen Krankheitsverlauf anpassen.
Neue Medikamente für bisher schwer behandelbare Verlaufsformen
Besonders dynamisch entwickelt sich derzeit die Medikamentenforschung. Lange Zeit standen vor allem Therapien für schubförmig verlaufende Formen der Multiplen Sklerose zur Verfügung. Für Menschen mit schleichend fortschreitenden Verlaufsformen waren die Behandlungsmöglichkeiten dagegen deutlich begrenzter. Hier zeichnet sich nun ein Wandel ab.
„Die wohl größte aktuelle Veränderung betrifft die Medikamentengruppe der Bruton-Tyrosin-Kinase-Inhibitoren“, erklärt Dr. Bocchicchio.
Diese Wirkstoffe können die Blut-Hirn-Schranke überwinden und chronische Entzündungen direkt im Gehirn beeinflussen. Besonders große Aufmerksamkeit erhält derzeit Tolebrutinib (Cenrifki®), für das die Europäische Arzneimittelagentur im Frühjahr 2026 eine Zulassungsempfehlung zur Behandlung der sekundär progredienten MS ohne Schübe ausgesprochen hat.
„Es ist das erste Medikament überhaupt, das für diese fortgeschrittene, nicht aktive Phase wirksam ist“, sagt die Chefärztin.
Studien zeigen, dass das Medikament das Risiko eines Fortschreitens der Behinderung um 31 % reduzieren kann.
Neue Wege in der Immuntherapie
Auch bei den Antikörpertherapien gibt es vielversprechende Entwicklungen. Während bisherige Therapien bestimmte Immunzellen gezielt reduzieren, verfolgt der Wirkstoff Frexalimab einen anderen Ansatz. Statt die B-Lymphozyten aufzulösen, soll er die Kommunikation zwischen den verschiedenen entzündungsfördernden Immunzellen hemmen. „Die Immunzellen bleiben erhalten, können sich aber nicht mehr gegenseitig zur Entzündungsreaktion anregen“, erklärt Dr. Bocchicchio.
Der Wirkstoff befindet sich derzeit noch in klinischen Studien, gilt jedoch als vielversprechender Kandidat für zukünftige Behandlungsstrategien.
Auch für Menschen mit schubförmiger MS stehen neue Optionen zur Verfügung. So wurde 2025 mit Riulvy® (Tegomilfumarat) ein weiteres Medikament zugelassen, das durch eine verbesserte Verträglichkeit insbesondere im Magen-Darm-Bereich überzeugen soll.
Welche Rolle spielt das Epstein-Barr-Virus?
Große Aufmerksamkeit erhält aktuell auch die Forschung zum Epstein-Barr-Virus (EBV). Mehr als 90 Prozent der Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit dem Virus. Dennoch entwickelt nur ein kleiner Teil der Betroffenen später eine Multiple Sklerose. Warum das so ist, versuchen Forschende weltweit zu entschlüsseln.
Neue Untersuchungen deuten darauf hin, dass bestimmte fehlgesteuerte Immunzellen durch ein Virusprotein vor ihrem natürlichen Absterben geschützt werden. Dadurch können Entzündungsprozesse im Gehirn begünstigt werden.
„Diese Erkenntnisse helfen uns, die Ursachen der Erkrankung besser zu verstehen und möglicherweise neue Therapieansätze zu entwickeln“, sagt Dr. Bocchicchio.
Die Zukunft heißt personalisierte Medizin
Ein weiteres spannendes Forschungsfeld ist die sogenannte personalisierte Medizin. Wissenschaftler*innen konnten inzwischen verschiedene immunologische Untergruppen der Multiplen Sklerose identifizieren. Diese unterscheiden sich sowohl im Krankheitsverlauf als auch im Ansprechen auf bestimmte Therapien.
Langfristig könnte dies dazu beitragen, für jede Patientin und jeden Patienten die individuell wirksamste Behandlung auszuwählen.
„Das wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer wirklich maßgeschneiderten Therapie“, erklärt Dr. Bocchicchio.
Mehr Hoffnung als je zuvor
Die Multiple Sklerose bleibt eine komplexe Erkrankung. Doch die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, wie dynamisch die Forschung voranschreitet.
Im nächsten Teil unserer Serie erfahren Sie, was Menschen mit MS selbst tun können, um ihre Lebensqualität zu verbessern – von Bewegung und Ernährung bis hin zu Stressmanagement und psychischer Gesundheit.