Nicht jede Krise ist sichtbar – Dr. Tobias Hornig im Interview
Psychische Krisen sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Menschen können nach außen unbeschwert wirken und gleichzeitig innerlich stark belastet sein. Anlässlich des Welttags der Suizidprävention spricht Dr. Tobias Hornig, Chefarzt der MEDIAN Franz-Alexander-Klinik Nordrach und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, darüber, welche Warnzeichen ernst genommen werden sollten, wie Angehörige richtig reagieren können und warum es wichtig ist, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
„Nicht jede Krise ist sichtbar“ – woran kann man erkennen, dass ein Mensch möglicherweise in einer schweren psychischen Krise steckt, auch wenn es nach außen zunächst nicht so wirkt?
Tatsächlich ist es für Außenstehende oft schwierig zu beurteilen, was im Inneren eines anderen Menschen vorgeht. Im Übrigen gilt das auch für professionell Helfende, wenn Betroffene sich nichts anmerken lassen möchten, also eine Fassade aufrechterhalten. Allerdings gibt es dann oft indirekte Anzeichen für eine psychische Krise:
Betroffene ziehen sich womöglich sozial zurück, unternehmen kaum noch etwas mit Freundinnen und Freunden oder Bekannten. Im beruflichen Alltag nimmt die Leistungsfähigkeit ab, oftmals steigen die Krankheitsausfälle. Betroffene reagieren vielleicht schneller gereizt, genervt oder aggressiver, als man das von ihnen gewohnt ist. Es kommt häufiger zu Misstrauen, Grübelneigung, rückversicherndem Verhalten oder auch somatischen Beschwerden (z. B. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Magen-Darm-Beschwerden). Auch kognitive Störungen wie Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen können beobachtet werden. In manchen Fällen fällt auch ein erhöhter Alkoholkonsum als Versuch der Selbstmedikation auf.
Was raten Sie Menschen, die selbst Suizidgedanken haben oder merken, dass sie psychisch immer stärker unter Druck geraten? Wann ist der Punkt erreicht, an dem professionelle Hilfe wichtig ist?
Hier ist es wichtig zu betonen, dass Suizidgedanken bereits mehr als ein Warnsignal sind und dringend psychiatrischen Handlungsbedarf erfordern. Die oben erwähnten Punkte sind sogenannte Frühwarnzeichen, die, wenn sie mehrere Wochen anhalten, zu einem Besuch bei der Hausärztin oder beim Hausarzt führen sollten. Dies gilt insbesondere bei länger anhaltender gedrückter Stimmung und Freudlosigkeit, Schlafstörungen sowie ungewolltem Gewichtsverlust oder verminderter körperlicher und mentaler Leistungsfähigkeit.
Wie spreche ich jemanden an, wenn ich mir Sorgen mache und darf ich auch direkt nach Suizidgedanken fragen?
Mein Rat ist hier sehr klar, die Auffälligkeiten direkt anzusprechen, wenn sie über eine „schlechte Tagesform“ hinausgehen und über mehrere Wochen anhalten. Die Betroffenen sind erfahrungsgemäß eher erleichtert, wenn sie die oben erwähnte Fassade nicht länger aufrechterhalten müssen. Es spricht auch nichts dagegen, Suizidalität anzusprechen. Untersuchungen zeigen, dass das Thematisieren der Suizidalität allein nicht zu Suizidgedanken führt. Auch hier zeigt die Erfahrung, dass dies eher als Erleichterung empfunden wird.
Welche Hilfe können psychiatrische Akutkliniken in einer solchen Situation leisten und was erwartet Betroffene, wenn sie sich an eine MEDIAN Akut Mental Health Klinik wenden?
Die wichtigste Message ist hier, dass man psychische Erkrankungen sehr gut behandeln und auch heilen kann. Es handelt sich um eine Krankheit und nicht um eine persönliche Charakterschwäche! Eine wichtige Voraussetzung ist dabei, sich frühzeitig professionellen Rat zu suchen, um bei Bedarf eine stationäre Behandlung in die Wege zu leiten. Hier hilft unser zentraler MEDIAN-Reservierungsservice (ZRS) bei einer unkomplizierten Anmeldung.
Je nach Ausprägung der Symptome und nach einer ausführlichen Diagnostik in der Akutklinik, erfolgt die Therapieplanung im multiprofessionellen Team, die psychotherapeutische und bei Bedarf auch eine leitliniengerechte medikamentöse Behandlung umfasst. Dies ist stationär natürlich noch umfassender und intensiver möglich als ambulant. Zudem umfasst eine Behandlung in unseren Akutkliniken auch eine intensive Unterstützung bei der Organisation der Nachsorge.
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