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Kein Stress mit Stress und BurnOut

Dr. Malinowski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Psychosomatische Medizin. Als Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin im MEDIAN Zentrum für Verhaltensmedizin Bad Pyrmont beschäftigt er sich schon lange mit Fragen der Stressmedizin, einem noch neuen Interessengebiet der Medizin. So führt er gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit vielen Jahren Indoorseminare in Schulen, Betrieben und öffentlichen Verwaltungen durch.

Frau Wastell, MSc Public Health, ist als Gesundheitswissenschaftlerin tätig und beschäftigt sich mit rehabilitativen und präventiven Aspekten in Bezug auf Gesundheitsrisiken der Allgemeinbevölkerung. Außerdem interessiert sie sich für epidemiologische Fragestellungen bei psychischen Erkrankungen. Sie führt regelmäßige Vorträge und Seminare zu präventiven Fragestellungen durch.

Dr. Malinowski, Frau Wastell, Sie beschäftigen sich schon länger mit Stress und BurnOut. Welche Rolle spielen diese beiden Diagnosen in Ihrer Klinik?

Malinowski: Zuerst einmal sind Stress und BurnOut keine Diagnosen. Im aktuellen Diagnosekatalog, dem ICD 10, ist BurnOut als eine Art Risikofaktor definiert; auch in der „Bibel“ der Psychiaterdiagnostik, dem amerikanischen DSM 5, erlangt BurnOut keinen Krankheitsstatus. Im neuen für Deutschland demnächst zuständigen Diagnosekatalog ICD 11 gibt es das BurnOut-Syndrom, aber nur in Verbindung mit beruflichen Überlastungen.

Wastell: Gibt man in eine Suchmaschine die Begriffe BurnOut und Stress ein und verknüpft diese Begriffe mit den AWMF-Leitlinien in der Medizin - das sind die aktuellen Goldstandards in der Behandlung von Erkrankungen und auch Richtschnur all unserer Behandlungskonzepte -, landet man in der Regel bei Erkrankungen wie den sog. funktionellen Störungen, Schmerzsyndromen und Depressionen. Die Auswertung unserer Daten zeigt, dass dies auch unsere Hauptdiagnosen sind und dass viele dieser Patienten unter multiplen psychischen, sozialen sowie körperlichen Überforderungen leiden. Und damit sind Stress und BurnOut oft wichtige Elemente der Krankheitsentstehung.

Dr. Malinowski, unter Schmerzen und Depressionen können wir uns etwas vorstellen, aber was sind funktionelle Störungen?

Malinowski: Hinter dem Begriff „Funktionelle Störungen“ verbirgt sich eine ganze Reihe von sehr unangenehmen körperlichen Fehlfunktionen, für die es keine wirkliche organische Ursache gibt. Am bekanntesten ist der sog. Reizdarm, aber auch Herzrhythmusstörungen, Magenschmerzen oder psychogene Asthmaanfälle können dazugehören. Also viele Beschwerden, die schon immer im Alltag mit Stress in Verbindung gebracht wurden; da ist der Volksmund manchmal schneller als die Wissenschaft. In der Präventionsforschung gab es vor vielen Jahren mal das Konzept des „Stresstyps A“, eine sehr wettbewerbsorientierte, aggressive und durchsetzungsbereite (damals noch männliche!) Persönlichkeit mit wenig Verständnis für eigene körperliche und seelische Begrenzungen, die als Persönlichkeitsstruktur eines der Hauptrisiken für den Herzinfarkt darstellte. Auch wenn sich dieses Konzept wissenschaftlich nur als teilweise wahr erwies, verdeutlicht es unter didaktischen Gesichtspunkten gut die Zusammenhänge von Stress und Gesundheit.

Wie können Sie denn jetzt diesen betroffenen Menschen helfen?

Malinowski: Der erste Schritt ist natürlich leitliniengerecht die aus den chronischen Überlastungen resultierenden psychischen und psychosomatischen Erkrankungen zu heilen. Dazu bieten wir zu allen Krankheitsbildern eine individuell abgestimmte und mit den Zielen der Patienten übereinstimmende Therapiestrategie an, die in einzel- und gruppentherapeutischen Maßnahmen alle Aspekte der Depressionen, der Schmerzen oder der funktionellen Probleme angeht. Dabei wird es im Rahmen unserer körperlichen und psychosozialen Eingangsdiagnostik auch darum gehen, die einzelnen für den Menschen relevanten Belastungsfaktoren herauszuarbeiten. Wir unterbreiten dann den Patienten einen Gesamtbehandlungsplan, der eventuell auch eine vorübergehende medikamentöse Unterstützung beinhalten kann. Im Vordergrund stehen bei uns aber nicht-medikamentöse Behandlungsansätze.

Wastell: In der die eigentliche Psychotherapie begleitenden Seminaren und Vorträgen werden unsere Patientinnen und Patienten in Fragen der gesunden Lebensführung geschult. Hier gibt es Vorträge zur gesunden Ernährung, zum Bluthochdruck, zu Rückenschmerzen oder zu unserem heutigen Thema Stress und BurnOut. Meine Erfahrung ist übrigens, dass -wenn wir mal bei dem Ausdruck bleiben- Menschen mit einer BurnOut-Symptomatik bei Leibe nicht nur unter beruflichen Belastungen leiden, sondern der Alltag auch zahlreiche andere Faktoren beinhaltet. Hierbei denke ich z. B. an die Frauen zwischen 50 und 60, die gerade ihre Kinder „groß gekriegt haben“ und jetzt -ohne mal Zeit für sich gehabt zu haben- entweder in die Enkelbetreuung oder in die Pflege der jeweiligen Elterngeneration eingebunden werden.

Malinowski: Meine Patienten erzählen mir immer, dass ihnen diese Seminare und Vorträge oft die Augen geöffnet haben, wo sie auch nach Rückkehr aus der Klinik ins häusliche Umfeld den Blick hinrichten müssen. Da wir als Behandler natürlich auch wissen, dass eine Klinik immer auch ein Stück weit „Elfenbeinturm“ ist, nehmen wir uns nach der erfolgreichen Behandlung auch immer viel Zeit für eine erfolgreiche Rückfallprophylaxe. In Bezug auf Risikofaktoren wie Stress und BurnOut umfasst das natürlich immer auch Änderungen im Lebensstil, entweder indem man grundlegend Sachen ändert,
z. B. einen Arbeitsplatzwechsel anstrebt oder wie man auf persönlicher Ebene versucht, Belastungen zu minimieren, etwa durch Verbesserungen im Arbeitsverhalten oder in der Abgrenzungsfähigkeit („Mal nein sagen können“), und schrittweise wieder Zeiten der Lebensqualität in den Alltag integriert.

Wie sieht denn Ihr Behandlungserfolg aus?

Wastell: Ich werte ja regelmäßig die Daten unserer Nachsorgebefragungen aus, die sog. Katamnese. Hier zeigt sich, dass ca. 75-80% der Patienten nach der Behandlung und auch nach einem längeren Zeitraum im häuslichen Umfeld Verbesserung in Gesundheit und Lebensqualität berichten. Auch harte sozialmedizinische Faktoren wie Krankheitstage, Arztbesuche oder Fehlzeiten am Arbeitsplatz verringern sich signifikant, wie eine große Studie vor einigen Jahren zeigte.

Malinowski: Durch unsere große und überregional bekannte Verhaltenstherapieambulanz, die durch unseren Leitenden Psychologen und Psychotherapeuten Okon geleitet wird, haben wir ja hin und wieder noch langjährigen Kontakt zu einzelnen Patienten, und natürlich wissen wir, dass hinter trockenen statistischen Zahlen immer wieder zahlreiche Einzelschicksale stecken. Die Erfahrungen in der Ambulanz unterstreichen aber die Statistiken. Und wir sind -nicht ohne etwas Stolz- seit vielen Jahren laut FOCUS eine der führenden psychosomatischen Kliniken in Deutschland, übrigens vorrangig auf Empfehlung der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen, die ja gut beurteilen können, was ihren Patienten nutzt. Und -noch wichtiger- die Patienten empfehlen uns.


Frau Wastell, Dr. Malinowski, wir danken für das Gespräch.

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