Unser Verständnis für suchtkranke Patientinnen und Patienten und für eine angemessene Behandlung und Hilfe gründen auf einer psychodynamischen Sichtweise der Abhängigkeit.
Wir gehen von einem integrierten psychodynamischen Modell der Sucht im Rahmen der Krankheitslehre der Psychoanalyse aus und beziehen triebpsychologische Sichtweisen, Ich-psychologische Konzepte und objekt-psychologische Ansätze als Erklärungsgrundlagen mit ein (Heigl-Evers, Heigl, Rost).
Der Missbrauch der stofflichen Suchtmittel und des pathologischen Glücksspiels (als nicht stoffgebundenem Suchtmittel) sowie die spätere Abhängigkeitsentwicklung sind nach diesem Verständnis ganz überwiegend weitgehend unbewusste Bewältigungsversuche innerer Konfliktlagen und äußerer Entbehrungs- und Belastungssituationen.
Bei den eher reiferen Persönlichkeiten und den damit in ihren Ich-Fähigkeiten auf höherem Strukturniveau entwickelten Patientinnen und Patienten wird der Suchtmittelgebrauch durch neurotische Konfliktsituationen ausgelöst und unterhalten.
Die Identifizierung und Bearbeitung des zentralen Konfliktes, das Aufspüren und Nutzen der an sich entwickelten und vorhandenen Ich-Funktionen und die Erprobung neuer Möglichkeiten zur Konfliktlösung sind dann die Aufgaben der Therapie.
Bei den schwerer und in früheren Entwicklungsphasen gestörten Patientinnen und Patienten, bei denen erhebliche Einschränkungen der Ich-Leistungen vorliegen, ist der Charakter des Suchtmittelmissbrauchs als Selbstheilungsversuch, der letztlich nicht geglückt ist, sehr viel deutlicher. Stoffliche Suchtmittel und Glücksspiel haben hier im Sinne einer Überlebenshilfe fehlende Reizschutzfunktionen und schwache Ich-Grenzen ausgeglichen. Zentrale und lebensnotwendige Leistungen des Ichs, etwa Affektwahrnehmung und -differenzierung, Realitätsprüfungsfunktionen, Antizipationsvermögen sowie Frustrationstoleranz und Impulskontrolle sind unzureichend oder stehen nicht zuverlässig zur Verfügung. Auftauchende diffuse Angst, Zustände innerer Leere, Hoffnungs- und Sinnlosigkeit können durch den Einsatz des Suchtstoffes oder des Glücksspieles gedämpft oder verhindert werden. Es steht so wenigstens ein einigermaßen zuverlässig handhabbares und stets verfügbares Beziehungsobjekt bereit.
Der therapeutische Ansatz ist hier, eine Stabilisierung und Stärkung des erreichten Strukturniveaus sicherzustellen und eine Nachreifung wichtiger Ich-Funktionen anzuregen. Bei diesen Patientinnen und Patienten übernehmen wir in den therapeutischen Beziehungen zunächst die Funktionen eines externen Hilfs-Ichs und Hilfs-Über-Ichs mit dem Ziel, dass diese Funktionen allmählich internalisiert werden können. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang auch die im Sinne eines therapeutischen Milieus vorhandenen äußeren Rahmen- und Strukturbedingungen.
Für unsere Patientinnen und Patienten mit den schwersten Formen der Suchterkrankung vor dem Hintergrund frühester Entwicklungsstörungen ist sogar die Funktion der Suchtmittel als Selbstheilungshilfe verloren gegangen. Es sind hier schwerste selbstzerstörerische Mechanismen seit langem in Gang, die nur noch schwer zu durchbrechen sind. In Zuständen tiefer Ich-Regression hat häufig ein Wechsel zwischen verschiedenen Suchtmitteln, suizidalen Krisen und psychosomatischen Erkrankungen stattgefunden.
Bei dieser schwerstgestörten Patientengruppe wird zunächst ein Durchbrechen der autodestruktiven Eigendynamik ein realistisches Therapieziel sein. Klärung und Stärkung des verbliebenen Lebenswillens, eine ausdrücklich antiregressive therapeutische Haltung und eine therapeutische Nutzung der häufig ausgeprägten Spaltungsbedürfnisse zum Aufbau eines basalen therapeutischen Kontaktes sind wichtige Elemente der Behandlung dieser Patientinnen und Patienten. Frühzeitig werden hier die Fähigkeiten zur Bewältigung des Alltagslebens entwickelt und eine entsprechende Nachsorge, z.B. in therapeutischen Übergangseinrichtungen, eingeleitet.