Rehabilitation der Zukunft: Warum politische Rahmenbedingungen jetzt entscheidend sind
Wie kann Rehabilitation künftig bedarfsgerechter, flexibler und stärker am Nutzen für Patient*innen ausgerichtet werden? Und welche Veränderungen sind aus Sicht der Leistungserbringer notwendig?
Dieser Beitrag basiert auf dem Fachbeitrag „Politische und regulatorische Rahmenbedingungen für eine zukunftssichere Rehabilitation“ aus dem Buch „Rehabilitation der Zukunft – Zwischen Hightech, Evidenz und Empathie“, herausgegeben von Dr. Marc Baenkler.
Über den Beitrag
Rehabilitation ist nicht nur eine Gesundheitsleistung, sondern eine Investition in Selbstständigkeit, Teilhabe und Erwerbsfähigkeit. Damit sie ihre Wirkung entfalten kann, sollten Zugänge vereinfacht, Ergebnisqualität stärker berücksichtigt und innovative Versorgungsmodelle ermöglicht werden.
Über das Autorenteam
Thomas Bublitz
Thomas Bublitz ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Privatkliniken e. V. (BDPK) und vertritt die Interessen privater Krankenhausträger und Reha-Einrichtungen gegenüber Politik und Selbstverwaltung.
Konstanze Zapff
Konstanze Zapff ist Diplom-Rehabilitationspädagogin und beim BDPK als Referentin für Rehabilitation und Politik tätig. Zuvor begleitete sie Forschungsprojekte zur Wirksamkeit der Rehabilitation.
Dr. phil. Miralem Hadžić
Dr. phil. Miralem Hadžić ist Referent im Geschäftsbereich Rehabilitation des BDPK. Sein Schwerpunkt liegt unter anderem auf Qualitätsstandards, digitalen Lösungen und der evidenzbasierten Weiterentwicklung der Rehabilitation.
Warum Rehabilitation immer wichtiger wird
Für die Betroffenen bedeutet das vor allem mehr Selbstständigkeit und die Chance, trotz gesundheitlicher Einschränkungen möglichst lange am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Der Bedarf dürfte künftig weiter wachsen. Laut dem Fachbeitrag lebten bereits 2019 rund 38 Millionen Menschen in Deutschland mit mindestens einer Erkrankung, bei der Rehabilitation potenziell unterstützen könnte. Auch psychische Erkrankungen spielen eine zunehmend große Rolle und sind inzwischen für einen erheblichen Anteil der Zugänge in Erwerbsminderungsrenten verantwortlich.
Rehabilitation ist eine Investition in Selbstständigkeit
Rehabilitation verursacht Kosten – sie kann gleichzeitig jedoch erhebliche Folgekosten vermeiden. Erfolgreiche Reha kann Menschen dabei unterstützen, länger im Beruf zu bleiben, selbstständiger zu leben und weniger auf Pflege oder staatliche Transferleistungen angewiesen zu sein.
Eine im Fachbeitrag zitierte Prognos-Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Rehabilitationsmaßnahmen jährlich mehr als 63.000 zusätzliche Arbeitsjahre ermöglichen und mit Milliardenbeträgen zur Wertschöpfung beitragen. Bereits eine frühere Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass sich Investitionen in medizinische Rehabilitation volkswirtschaftlich mehrfach auszahlen können.
Auch bei einzelnen Krankheitsbildern wird der Nutzen sichtbar. So wurden bei Menschen mit chronischen Rückenschmerzen nach einer orthopädischen Rehabilitation weniger Arbeitsunfähigkeitstage und geringere Krankenhauskosten festgestellt.
Damit diese Effekte entstehen können, muss Rehabilitation jedoch frühzeitig verfügbar sein.
Reha-Zugang einfacher und bedarfsgerechter gestalten
In der Praxis können komplizierte Antragsverfahren, zahlreiche erforderliche Unterlagen und unklare Zuständigkeiten den Zugang zur Rehabilitation erschweren. Besonders problematisch ist das, wenn eine Reha unmittelbar nach einem Krankenhausaufenthalt notwendig ist.
„Reha vor Pflege“ konsequenter umsetzen
Auch bei drohender Pflegebedürftigkeit kann Rehabilitation einen wesentlichen Unterschied machen. Werden Mobilität, Kraft und Alltagskompetenzen erhalten oder verbessert, können Menschen länger selbstständig leben und Unterstützung später oder in geringerem Umfang benötigen.
Der wirtschaftliche Effekt kann bereits innerhalb kurzer Zeit entstehen: Die Kosten einer Rehabilitationsmaßnahme können sich amortisieren, wenn der Eintritt in die Pflegebedürftigkeit durch sie allein um vier Monate verzögert wird.
Vor allem für die Betroffenen geht es dabei jedoch um viel mehr als nur Kosten. Jeder Zeitraum, in dem Selbstständigkeit erhalten werden kann, bedeutet mehr persönliche Freiheit und Lebensqualität.
Präventive und rehabilitative Angebote zur Vermeidung oder Verzögerung von Pflegebedürftigkeit sollten deshalb früher einsetzen und leichter erreichbar sein.
Qualität stärker an Ergebnissen messen
Ergebnisqualität
Strukturvorgaben bleiben ein wichtiger Bestandteil der Qualitätssicherung. Entscheidend ist jedoch zunehmend, welchen gesundheitlichen Nutzen eine Behandlung tatsächlich für Patient*innen bringt: Haben sich Beschwerden reduziert? Können sie sich besser bewegen? Sind sie im Alltag selbstständiger? Hat sich ihre Lebensqualität verbessert? Eine stärkere Orientierung an solchen Ergebnissen kann dazu beitragen, die tatsächliche Wirkung von Rehabilitation besser sichtbar zu machen.
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Ergebnisqualität
Strukturvorgaben bleiben ein wichtiger Bestandteil der Qualitätssicherung. Entscheidend ist jedoch zunehmend, welchen gesundheitlichen Nutzen eine Behandlung tatsächlich für Patient*innen bringt: Haben sich Beschwerden reduziert? Können sie sich besser bewegen? Sind sie im Alltag selbstständiger? Hat sich ihre Lebensqualität verbessert? Eine stärkere Orientierung an solchen Ergebnissen kann dazu beitragen, die tatsächliche Wirkung von Rehabilitation besser sichtbar zu machen.
Digitalisierung macht Rehabilitation flexibler
Digitale Technologien eröffnen neue Möglichkeiten, Rehabilitation individueller und flexibler zu gestalten. Virtual Reality, KI-gestützte Anwendungen, Therapierobotik, Sensoren und telemedizinische Angebote werden bereits heute eingesetzt oder erprobt.
So können digitale Anwendungen beispielsweise neurologische Patient*innen beim Training von Sprache, Kognition und Alltagskompetenzen unterstützen. Sensoren können helfen, Sturzrisiken frühzeitig zu erkennen. Telemedizin wiederum ermöglicht es, bestimmte Behandlungen auch unabhängig vom Aufenthaltsort fortzuführen.
Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viele neue Technologien einzusetzen. Sie müssen einen konkreten Mehrwert für Patient*innen schaffen – etwa indem sie Behandlungen verbessern, Zugänge erleichtern oder eine kontinuierliche Betreuung ermöglichen.
Dazu passen auch hybride Rehabilitationsmodelle: Nach einer stationären Phase können Patient*innen beispielsweise
digital weiter begleitet werden. So entsteht eine Brücke zwischen dem intensiven Klinikaufenthalt und der Rückkehr in den eigenen Alltag.
Fachkräfte bleiben der Schlüssel
Sie verfügen über qualifiziertes Personal, vielfältige pflegerische Tätigkeitsfelder und ein interdisziplinäres Umfeld, das gute Voraussetzungen für praxisnahes Lernen bietet.
Auch die Gewinnung internationaler Fachkräfte sollte für Rehabilitationseinrichtungen einfacher werden. Komplexe und regional unterschiedliche Anerkennungsverfahren kosten derzeit viel Zeit. Einheitlichere und unbürokratischere Prozesse könnten helfen, dringend benötigte Mitarbeitende schneller in die Versorgung zu integrieren.
Rehabilitation stärker mit der Versorgung verzahnen
Rehabilitation sollte künftig noch stärker als Teil einer durchgängigen Versorgungskette verstanden werden – und nicht allein als nachgelagerte Leistung nach einer Akutbehandlung.
Auch vorhandene medizinische und therapeutische Kompetenzen der Reha-Einrichtungen könnten breiter genutzt werden. Eine stärkere Einbindung in die ambulante Versorgung könnte insbesondere in ländlichen Regionen helfen, in denen medizinische Angebote zunehmend fehlen.
So ließen sich Versorgungsstrukturen besser miteinander verbinden und vorhandene Ressourcen effizienter einsetzen.
Rehabilitation zukunftssicher gestalten
Gleichzeitig bleiben qualifizierte Mitarbeitende die wichtigste Grundlage erfolgreicher Rehabilitation.
Wenn es gelingt, diese Voraussetzungen zu schaffen, kann Rehabilitation noch stärker dazu beitragen, Menschen länger selbstständig und erwerbsfähig zu halten, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder hinauszuzögern und gesellschaftliche Teilhabe zu sichern.
Damit ist Rehabilitation nicht nur ein wichtiger Bestandteil unseres Gesundheitssystems. Sie ist ein zentraler Baustein für eine Gesellschaft, in der Menschen auch mit gesundheitlichen Einschränkungen möglichst selbstbestimmt leben können.