FIDA – ein neues Assessment zur Messung der funktionellen Selbstständigkeit
Erscheinung: / Neurologie & Rehabilitation
Hintergrund: Das FIDA (Functional Independence in Daily Activities) wurde als Fremdeinschätzungsinstrument zur Messung der funktionellen Selbstständigkeit bei Aktivitäten des täglichen Lebens entwickelt. Dem Pflegebegriff des seit 1.1.2017 gültigen 2. Pflegestärkungsgesetz folgend wird Beeinträchtigung der Selbstständigkeit an die Notwendigkeit der Inanspruchnahme personeller Hilfe bei Aktivitäten gekoppelt. Das FIDA-Assessment bildet Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit ab, wie sie beispielsweise nach einem Akutereignis wie Sturz oder Schlaganfall häufig festzustellen sind. Hauptanwendungsfelder sind die Klassifikation der Schwere der Beeinträchtigung beziehungsweise des Unterstützungsbedarfs bei Aktivitäten des täglichen Lebens und die Abbildung funktioneller Verbesserungen. Der Grad der Selbstständigkeit wird mit 20 Items aus dem Bereich der Alltagsaktivitäten und Fähigkeiten erfasst. Mit jedem Item wird beurteilt, wie selbstständig die Person die beschriebene Funktion ausüben kann beziehungsweise wie sehr die jeweilige Funktion beeinträchtigt ist. Berichtet werden die Entwicklung, die Ergebnisse der Validierungsstudie sowie Ergebnisse aus dem Routineeinsatz im Zuge regionaler Qualitätssicherung geriatrischer und neurologischer Rehabilitation.
Methode: Das Assessment wurde von einem Team mit unterschiedlichen Professionen entwickelt (Ärzte, Psychologe und Biometriker). In einer Vorstudie wurden 21 Fragen auf einer vierstufigen Antwortskala an einer Stichprobe von 290 Rehabilitanden erprobt. Nach der Vorstudie erfolgte die Anpassung auf eine fünfstufige Antwortskala, um eine bessere Differenzierung zu erreichen, und die Streichung eines redundanten Items. In die im Anschluss durchgeführte Validierungsstudie wurden 355 Rehabilitanden einer stationären neurologischen Rehabilitationseinrichtung konsekutiv einbezogen, deren Rehabilitation zwischen Februar (Aufnahme) und Juni 2020 (Entlassung) stattgefunden hat. Parallel zum FIDA-Assessment wurde der Barthel-Index (BI) nach dem Hamburger Manual erhoben. Die psychometrische Überprüfung erfolgte mit den Werten zu Rehabilitationsbeginn. Berechnet wurden Itemschwierigkeiten, Trennschärfe (rit =Item-Total-Correlation) und interne Konsistenz (Cronbachʼs Alpha). Die Faktorenstruktur wurde mit einer Faktorenanalyse evaluiert. Die Überprüfung der konvergenten Validität erfolgte durch Korrelation der Summenwerte des FIDA und des BI. Zur weiteren Erprobung wurde das FIDA-Assessment in vier neurologischen und in fünf geriatrischen stationären Rehabilitationsklinken zu Rehabilitationsbeginn (T1) und -ende (T2) eingesetzt. Berichtet werden die Verlaufsergebnisse aller Rehabilitanden, die im Zeitraum vom 1.7.2021 bis zum 30.6.2022 die Rehabilitation regulär abgeschlossen hatten (n=4.777). Die funktionelle Veränderung während der Rehabilitation wurde durch Differenzbildung der individuellen Werte zu Rehabilitationsbeginn und Rehabilitationsende ermittelt.
Ergebnisse: Die Itemschwierigkeiten (p) lagen bei allen 20 Items im mittleren Bereich zwischen 0,39 ≤ p ≤ 0,77. Die Faktorenanalyse bestätigt die angenommene Zuordnung zu den beiden Skalen Motorik (16 Items) und Kognition (4 Items). Ungeachtet der zweifaktoriellen Struktur beträgt die interne Konsistenz des FIDA α=0,98 mit Item-Skalenkorrelationen zwischen (0,63 < rit < 0,93), sodass die Bildung des Summenwertes möglich ist. Die motorische Skala erreicht eine interne Konsistenz von α=0,98, die kognitiven Items α=0,93. Zu Rehabilitationsbeginn betrug die Korrelation von FIDA und BI r=0,94, zum Zeitpunkt der Rehabilitationsentlassung r=0,92. In der Anwendungserprobung betrugen die Veränderungen bei neurologischer Rehabilitation 9,4±7,7 (n=2.016) und bei geriatrischer Rehabilitation 15,9± 10,6 Punkte (n=2.761).
Schlussfolgerung: FIDA ist ein reliables, valides und veränderungssensitives Assessment-Instrument zur Beurteilung der funktionellen Selbstständigkeit. Den beteiligten Rehabilitationsteams war es möglich, die Einstufung ohne aufwendige Schulungsmaßnahmen durchzuführen. Die Psychometrie und die Analysen zur Validität zeigen sehr zufriedenstellende Ergebnisse.