Im Interview
Herzgesundheit ganzheitlich denken: Prof. Dr. Stephan Eddicks über Prävention, Reha und Nachsorge
Heute, am 29. September, ist Welt-Herz-Tag. Ein guter Anlass, den Blick nicht nur auf die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu richten, sondern auch auf die Frage: Was passiert nach einem akuten Herzereignis?
„Kardiovaskuläre Medizin ist ein Kontinuum“, sagt Prof. Dr. Eddicks, Chefarzt der Kardiologie bei MEDIAN. Prävention, Früherkennung, Akutbehandlung, Rehabilitation und langfristige Nachsorge sollten deshalb stärker als zusammenhängende Versorgungskette gedacht werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die kardiologische Rehabilitation. Sie unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, ihre körperliche Leistungsfähigkeit wieder aufzubauen und ihre Herzgesundheit langfristig zu stabilisieren. Individuell abgestimmtes Training, die Behandlung von Risikofaktoren, Ernährungsberatung, Medikamentenschulung und psychosoziale Unterstützung helfen dabei, gesundheitsfördernde Veränderungen nachhaltig in den Alltag zu integrieren.
Auch der europäische „Safe Hearts Plan“ verfolgt einen sektorenübergreifenden Ansatz und nimmt Prävention, Früherkennung, Behandlung und Rehabilitation gemeinsam in den Blick.
Warum Herzprävention lange vor den ersten Beschwerden beginnen sollte, welche Rolle Digitalisierung und Künstliche Intelligenz künftig spielen können und was sich im deutschen Gesundheitswesen verändern muss, erläutert Prof. Dr. Eddicks im Interview anlässlich des Welt-Herz-Tags.
Herr Prof. Dr. Eddicks, Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören weiterhin zu den größten Gesundheitsrisiken in Europa. Wo sehen Sie aus ärztlicher Sicht derzeit die größten Defizite – bei der Prävention, der Früherkennung oder in der Versorgung nach einem akuten Ereignis?
Ich würde die drei Bereiche nicht voneinander trennen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die gesamte Versorgungskette konsequent zusammenzudenken – von der Prävention über die Früherkennung und Akutbehandlung bis hin zur Rehabilitation und langfristigen Nachsorge. Gegebenenfalls müssen Schwerpunkte der Förderung neu betrachtet werden.
Wir verfügen in Deutschland über eine sehr leistungsfähige Akutmedizin. Gleichzeitig zeigt der Deutsche Herzbericht 2026, dass die Krankheitslast weiterhin enorm ist. Das bedeutet für mich: Wir müssen deutlich früher ansetzen und die Möglichkeiten der Prävention besser ausschöpfen.
Dazu gehört die Früherkennung von klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel und Rauchen. Aber kardiovaskuläre Prävention ist noch breiter. Notwendig erscheint auch ein ausreichender Impfschutz. Gerade für Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen können Atemwegsinfektionen wie Influenza oder COVID-19 eine zusätzliche kardiovaskuläre Belastung darstellen. Die Europäische Kommission hebt deshalb im jüngst aufgestelltem „Safe Hearts Plan“ Impfungen gegen Atemwegsinfektionen ausdrücklich als Bestandteil der kardiovaskulären Prävention hervor. Hier sind wir nicht gut aufgestellt. Die Impfquote in Deutschland lag 2024/25 z.B. bei Influenza bei den über 60jährigen nur um 34 %. Das EU-Ziel von 75 % wird somit klar verfehlt. Man kann dies aber offenbar besser machen: Dänemark erzielte 2023 bereits eine Impfquote von 78% bei den > 65jährigen.
Und schließlich endet die Versorgung nicht mit der erfolgreichen Akutbehandlung. Die kardiologische Rehabilitation muss als integraler Bestandteil der medizinischen Versorgungskette verstanden werden. Sie hilft dabei, Behandlungserfolge zu stabilisieren, Risikofaktoren zu reduzieren, körperliche Leistungsfähigkeit wiederherzustellen und Patienten langfristig zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit ihrer Erkrankung zu befähigen. Nirgends anders findet sich eine Plattform. In der die Arzt-Patienten-Interaktion den Patienten dermaßen im Umgang mit seiner Erkrankung befähigt.
Herz-Kreislauferkrankungen sind die größte medizinische Herausforderung in der Europäischen Gesellschaft (EU) mit bis zu 1.7 Mio. Toten jährlich sowie 62 Mio. Patienten, die unter herzbezogenen Symptomen leiden. Dies verursacht erhebliche ökonomische Kosten von 282 Milliarden Euro per anno, inklusive 47 Milliarden an verlorener Produktivität.
Der europäische Safe Hearts Plan betrachtet Prävention, Früherkennung, Behandlung und Rehabilitation erstmals sehr konsequent als zusammenhängenden Versorgungspfad. Warum ist gerade dieses Zusammenspiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen so wichtig?
Weil Herz-Kreislauf-Erkrankungen in aller Regel nicht mit dem ersten Herzinfarkt, einer Herzinsuffizienz oder einer Rhythmusstörung beginnen. Die Erkrankung entwickelt sich häufig über Jahre. Deshalb müssen wir auch über Jahre hinweg denken.
Der Safe Hearts Plan bringt genau diese Perspektive zusammen: Prävention, Früherkennung und Screening sowie Behandlung und Versorgung einschließlich Rehabilitation bilden die drei zentralen Säulen.
Das Entscheidende ist: Eine erfolgreiche Akutbehandlung ist ein wichtiger medizinischer Meilenstein, aber nicht das Ende der Behandlung. Wenn beispielsweise ein Patient nach einem Herzinfarkt interventionell sehr gut versorgt wurde, anschließend aber seine Risikofaktoren nicht ausreichend behandelt werden, sich körperlich kaum bewegt oder Medikamente nicht regelmäßig einnimmt, verschenken wir einen Teil des erreichten Behandlungserfolgs.
Deshalb muss Rehabilitation als integraler Bestandteil der Behandlungskette verstanden werden. Sie verbindet nachgewiesen erfolgreich die Akutmedizin mit der langfristigen Sekundärprävention und dem Alltag des Patienten.
Rehabilitation wird in der öffentlichen Diskussion häufig erst als Schritt nach Herzinfarkt, Operation oder anderer Akutbehandlung wahrgenommen. Welche Bedeutung hat die kardiologische Rehabilitation tatsächlich für den langfristigen Krankheitsverlauf und die Lebensqualität der Patient*innen?
Die kardiologische Rehabilitation ist kein isoliert zu betrachtendes „Nachsorgeprogramm“, das man nach der eigentlichen Behandlung noch optional anschließt. Sie ist selbst ein wesentlicher Bestandteil der medizinischen Behandlung.
In der Rehabilitation geht es nicht nur darum, körperlich wieder belastbarer zu werden. Wir behandeln dort die Erkrankung ganzheitlich: durch individuell angepasstes Training, Optimierung der Risikofaktoren, Ernährungsberatung, Medikamentenschulung, psychosoziale Unterstützung und die Vorbereitung auf die Rückkehr in Alltag und Beruf.
Gerade die Kombination dieser Elemente macht die kardiologische Rehabilitation so wertvoll. Der Patient lernt, wie er mit seiner Erkrankung langfristig umgehen kann und was er selbst dazu beitragen kann, weitere Krankheitsereignisse zu verhindern.
Der Deutsche Herzbericht 2026 führt die kardiovaskuläre Rehabilitation deshalb zu Recht als eigenes Themenfeld. Aus meiner Sicht müssen wir noch stärker vermitteln: Rehabilitation ist kein nachgelagerter Service, sondern ein Teil der Behandlungskette – genauso wie Diagnostik, interventionelle oder operative Therapie und medikamentöse Behandlung.
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat 2026 erstmalig eine verbindliche Leitlinie für die Kardiologische Rehabilitation herausgegeben, was deren Bedeutung in der Versorgungskette für den einzelnen Patienten und die gesamte Gesellschaft unterstreicht. Kardiologische Rehabilitation rettet Leben und erhält Erwerbsfähigkeit!
Viele Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Cholesterin- oder Blutzuckerwerte verursachen zunächst kaum Beschwerden. Was können Menschen selbst tun – und ab welchem Alter oder bei welchen Risikofaktoren sollten regelmäßige Herz-Kreislauf-Checks selbstverständlich werden?
Der erste Schritt besteht darin, die eigenen Risikofaktoren zu kennen. Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin sollten keine unbekannten Größen sein. Dazu kommen Gewicht, Bewegung, Ernährung, Rauchen, familiäre Belastungen und bereits bestehende Erkrankungen.
Prävention sollte nicht erst beginnen, wenn ein Laborwert auffällig ist. Auch Impfungen gehören für bestimmte Patientengruppen zur Vorsorge. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe bestimmter Atemwegsinfektionen. Die Europäische Kommission betrachtet deshalb insbesondere Impfungen gegen Influenza, COVID-19, RSV und Pneumokokken als relevanten Bestandteil der Prävention bei Risikogruppen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch dieselben Impfungen benötigt. Entscheidend sind Alter, Vorerkrankungen und die jeweils geltenden Impfempfehlungen. Aber der Impfstatus sollte bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen genauso selbstverständlich angesprochen werden wie Blutdruck, Cholesterin oder Medikamenteneinnahme.
Mein Grundsatz wäre deshalb: Nicht warten, bis Beschwerden auftreten. Herz-Kreislauf-Prävention beginnt lange vor dem ersten akuten Ereignis.
Das greift direkt einen Schwerpunkt des Safe Hearts Plans auf, der gemeinsame Ansätze für kardiovaskuläre Gesundheitschecks und frühere Diagnostik vorsieht. Ein weiterer Schwerpunkt der europäischen Strategie sind digitale Lösungen, KI und personalisierte Medizin. Wo sehen Sie hier für die Kardiologie und insbesondere für die Rehabilitation den größten konkreten Nutzen?
Der größte Nutzen liegt darin, dass wir Patienten individueller und kontinuierlicher begleiten können.
In der Kardiologie entstehen heute große Mengen an Daten – beispielsweise aus EKGs, Langzeitmessungen, Bildgebung oder Wearables. Digitale Technologien und KI können dabei helfen, relevante Veränderungen früher zu erkennen und Risiken besser einzuschätzen. Der Safe Hearts Plan sieht deshalb ausdrücklich eine stärkere Nutzung digitaler Technologien und KI in der kardiovaskulären Versorgung vor.
Für die Rehabilitation ist besonders interessant, dass wir die Betreuung aus der Reha-Einrichtung stärker in den Alltag des Patienten verlängern können. Bewegung, Herzfrequenz, Blutdruck oder körperliche Aktivität können – sofern medizinisch sinnvoll und technisch zuverlässig – auch außerhalb der Einrichtung erfasst und in die weitere Betreuung einbezogen sowie Reha-Programme im Sinne der Nachhaltigkeit in der Häuslichkeit fortgeführt werden.
Damit entsteht im Idealfall kein Bruch zwischen Akutversorgung, Rehabilitation und Alltag, sondern ein kontinuierlicher Versorgungsprozess.
Technologie darf dabei aber nicht zum Selbstzweck werden. Sie muss die persönliche medizinische Betreuung unterstützen und einen konkreten Nutzen für den Patienten haben.
Nach einer kardiologischen Rehabilitation beginnt für Patient*innen häufig die eigentliche Herausforderung: Bewegung, Ernährung, Medikamenteneinnahme und andere Veränderungen dauerhaft in den Alltag zu integrieren. Was entscheidet darüber, ob dieser Transfer gelingt?
Entscheidend ist, dass kardiologische Rehabilitation nicht mit dem letzten Tag in der Reha-Einrichtung endet.
Wir müssen den Patienten so vorbereiten, dass er die erlernten Maßnahmen in seinem konkreten Alltag umsetzen kann. Dazu gehören realistische Bewegungsziele, eine alltagstaugliche Ernährung, ein verständlicher Medikamentenplan und klare Ansprechpartner für die Zeit danach.
Genau deshalb sehe ich die Rehabilitation als entscheidendes Bindeglied zwischen Akutmedizin und langfristiger Versorgung. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass medizinische Erfolge dauerhaft wirksam bleiben.
Idealerweise beginnt diese Perspektive bereits während der Akutbehandlung: Was braucht der Patient nach der Entlassung? Welche Risikofaktoren müssen verändert werden? Welche Unterstützung benötigt er? Und wie können Hausarzt, Kardiologe und Rehabilitationseinrichtung anschließend gut zusammenarbeiten?
Der Safe Hearts Plan geht genau in diese Richtung, indem Behandlung, Versorgung und Rehabilitation ausdrücklich als zusammengehöriger Bereich definiert sind.
Wenn Sie zum Welt-Herz-Tag einen Wunsch an Politik und Gesundheitswesen formulieren könnten: Was müsste sich in Deutschland verändern, damit weniger Menschen schwer herzkrank werden und Betroffene nach einem Ereignis langfristig besser versorgt werden?
Mein Wunsch wäre, dass wir die gesamte Versorgungskette als Einheit betrachten – kardiovaskuläre Medizin ist ein Kontinuum!
Wir brauchen eine stärkere und besser finanzierte Prävention, eine systematischere Früherkennung und eine konsequente Schulung zu und Behandlung von Risikofaktoren. Dazu gehört auch, Impfprävention bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen stärker mitzudenken. Die Europäische Kommission hat mit dem Safe Hearts Plan ausdrücklich vorgeschlagen, Impfungen gegen Atemwegsinfektionen als Maßnahme der kardiovaskulären Prävention stärker zu verankern. Dies empfiehlt ebenfalls die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK).
Genauso wichtig ist mir aber die Zeit nach dem akuten Ereignis. Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, dass die Behandlung mit dem erfolgreichen Eingriff oder der Entlassung aus dem Krankenhaus abgeschlossen ist.
Kardiologische Rehabilitation muss als integraler Bestandteil der medizinischen Versorgungskette etabliert sein – mit einem klaren Übergang von der Akutbehandlung in die Rehabilitation und von dort in die langfristige ambulante Versorgung; ggf. auch durch Apps und Wearables begleitet.
Der Patient braucht einen durchgängigen Behandlungspfad: Risiken erkennen, Erkrankung behandeln, Rehabilitation durchführen und anschließend die erreichten Veränderungen im Alltag langfristig sichern.
Der Safe Hearts Plan bietet dafür auf europäischer Ebene einen wichtigen Rahmen, weil er Prävention, Früherkennung sowie Behandlung und Rehabilitation erstmals ausdrücklich in einem gemeinsamen Konzept zusammenführt.
Wir müssen in Deutschland stärker in Versorgungsketten statt in einzelnen Versorgungssektoren denken. Denn das Ziel darf nicht nur sein, einen Patienten erfolgreich durch ein akutes Ereignis zu bringen. Das Ziel muss sein, seine Herzgesundheit langfristig zu erhalten und ihm möglichst viele Jahre mit guter Lebensqualität zu ermöglichen.
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