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Tanzen kann jeder

Um Tanz als universelle Sprache in der Welt zu würdigen, wird jedes Jahr am 29. April der Welttag des Tanzes gefeiert. Jeder, der schon mal so richtig abgetanzt hat, kennt die positive, befreiende Wirkung von Tanz. In der Psychotherapie wird diese Wirkung bewusst eingesetzt. Wieso Tanz ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist hat uns Brigitte Gerhard, Tanz- und Körpertherapeutin in der MEDIAN Achertal-Klinik in Ottenhöfen, erzählt.

Redaktion: Was genau ist Tanztherapie?

Frau Gerhard: Die Tanztherapie ist ein künstlerisches, psychotherapeutisches und körperorientiertes Therapieverfahren, das emotionale, körperliche und kognitive Prozesse integriert. 

Tanz gilt als eine der ersten und ältesten Formen menschlichen Ausdrucks und war die erste Sprache der Menschheit. Rhythmische Bewegungen gehören seit Urzeiten zum Menschsein. Tanzen ist vor allem Kommunikation und erfüllt damit grundlegende menschliche Bedürfnisse. So erzeugt der gemeinsame Rhythmus in der Gruppentherapie ein Gefühl der Solidarität und der Zusammengehörigkeit.

Eine grundlegende Technik der Tanztherapie ist emphatisches Spiegeln. Die Therapeutin nimmt die individuelle Bewegungsart der Patienten in ihrer eigenen Bewegung auf und spiegelt sie ihnen dadurch wider. Nonverbal drückt sie aus: „Ich weiß, was du fühlst“ und erreicht damit eine affektive, emphatische Interaktion. Diese Technik ermöglicht es dem Therapeuten, auch mit sehr isolierten Patienten in Kontakt zu treten.

Die Tanztherapie fokussiert sich auf den gesunden Teil der Patienten. Dadurch wird die Körper- und Selbstwahrnehmung verbessert und das Bewegungsrepertoire erweitert. Die Persönlichkeit des Patienten wird stabilisiert und gestärkt. Ängstliche Patienten sind in ihren Bewegungen beispielsweise oft angespannt. Interveniert wird dann über freie, fließende Tanzbewegungen, mit schwungvoller Musik. Die Wirkung auf den Patienten wird meist sofort sichtbar und spürbar, seine Ängste vermindern sich. Bei Patienten mit Essstörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen wiederum ist u. a. die Körperbildarbeit indiziert. In einem begleitenden therapeutischen Gespräch werden Bewegungserfahrungen und Beobachtungen bearbeitet, wodurch Patienten ihre Situation intellektuell erfassen, integrieren und verändern können.

Redaktion: Was sind die Ziele der Tanztherapie?

Frau Gerhard: Laut dem Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands e.V. (BTD) sind die Ziele der Therapie „Die Wiedererlangung, Erhaltung und Förderung der Gesundheit und Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Symptome zu beheben, zu reduzieren und / oder anders mit ihnen umzugehen.“ 

Im Einzelnen werden folgende Ziele angestrebt:
•    Erweiterung des Bewegungsrepertoires
•    Förderung der Körperwahrnehmung und Entwicklung eines realistischen Körperbildes als Grundlage eines adäquaten Selbsterlebens
•    Förderung der authentischen Bewegung, des selbstbestimmten Ausdrucks und der Integration des Unbewussten
•    Bearbeitung von emotionalen Erlebnisinhalten
•    Bearbeitung von intrapsychischen Konflikten
•    Erwerb neuer Möglichkeiten für Beziehungsgestaltung und Handlungskonzepte
•    Verwirklichung individueller Bedürfnisse im Einklang mit sozialer Kompetenz

Redaktion: Bei welchen Erkrankungen ist der Einsatz von Tanztherapie sinnvoll?

Frau Gerhard: In der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist eine tanztherapeutische Behandlung bei Psychosen, Angsterkrankungen, sozialen Phobien, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, somatoformen Störungen, Stress mit Burn-Out-Syndrom, Essstörungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, Abhängigkeit und Suchtverhalten indiziert.

In der somatischen Medizin wird die Tanztherapie bei onkologischen, rheumatischen und neurologische Erkrankungen angewandt.

In der Heilpädagogik greift man auf die Tanztherapie zurück, wenn jemand unter Sprach- und Sinnesbehinderungen, einer geistigen Behinderung, Lern- und Körperbehinderung leidet.

Redaktion: Muss man, um teilzunehmen, tanzen können?

Frau Gerhard: Jeder Mensch hat sein individuelles Bewegungsmuster. Es gilt, dies zu fördern und damit zu sich selbst zu stehen. Es geht nicht um das Erlernen von vorgegebenen, perfekten Tanzschritten. Ich habe beispielsweise viele Jahre mit epilepsiekranken Menschen im klinischen Bereich gearbeitet und mit schwerst-mehrfach behinderten Patienten. Einige konnten sich verbal nur wenig ausdrücken, doch sie tanzten besonders freudig und reagierten sehr stark auf Musik, was sie mit ihren körperlichen Möglichkeiten zum Ausdruck brachten. Tanzen kann jeder auf seine ganz eigene, individuelle Art.

Redaktion: Warum sind Sie Tanztherapeutin geworden und wie sah Ihre Ausbildung aus?

Frau Gerhard: Ich wurde in eine tanzbegeisterte Familie hineingeboren, das Tanzen wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. So war es nur konsequent, dass ich nach zehn Jahre als Gesundheits- und Krankenpflegerin im chirurgischen Bereich diesen Weg einschlug. Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung nahm ich an einem Einführungsseminarseminar der Tanztherapie teil. Ich war von der Wirksamkeit so beeindruckt, dass ich mich sofort für diesen Beruf entschied. Als Tanztherapeutin kann ich meine Interessen für Psychologie und Tanz verbinden. 

Meine Ausbildung absolvierte ich am Frankfurter Institut für Tanztherapie (FITT). Nach einer 2-jährigen berufsbegleitenden Fortbildung folgte eine 3-jährige Ausbildung zur Tanztherapeutin. Das FITT ist vom BTD anerkannt. Durch die umfangreichen Anerkennungstandards gewährleistet der BTD ein verantwortungsvolles Arbeiten der Tanztherapeuten und sichert den Schutz der Patienten. So muss man, um als Tanztherapeut anerkannt zu werden, u. a. über 250 Stunden Erfahrung in verschieden Tanzsparten nachweisen sowie Therapieerfahrung von mindestens 100 Einzelstunden. Außerdem muss ein Praktikum im klinischen Bereich absolviert werden. 

Mittlerweile arbeite ich seit über 26 Jahren als Tanztherapeutin, davon 13 Jahre in der MEDIAN Achertal Klinik. Mit Unterstützung von MEDIAN hatte ich die Möglichkeit, an zahlreichen Fort- und Weiterbildungen teilzunehmen. Besonders eindrücklich und lehrreich waren Besuche der Kongresse des Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie e. V.. Es ist für mich bereichernd, auf so viel spannende, innerlich und äußerlich bewegende, interessante und emotionale Berufserfahrungen zurückblicken zu können.

Informationen zum Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands e. V. (BTD) und Informationen über die umfangreiche Ausbildungsrichtlinien, Voraussetzungen und Ausbildungsinstitute finden Sie unter: www.btd-tanztherapie.de

Informationen zur Deutschen Gesellschaft für Tanztherapie e.V. (dgt) finden Sie hier: www.dgt-tanztherapie.de

Informationen zum Frankfurter Institut für Tanztherapie FITT e.V. finden Sie hier: https://tanztherapie-fitt.de

Informationen zum Masterprogramm in Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg finden Sie hier: www.hochschule-heidelberg.de/studium/masterstudium/tanz-und-bewegungstherapie

Informationen zum Deutsche Gesellschaft für Körperpsychotherapie e. V. finden Sie unter: https://koerperpsychotherapie-dgk.de

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